Gratis Ratschläge zur Kindererziehung

Schon kurze Zeit nach der Geburt erkannte ich ein bis dahin unbekanntes Phänomen. Nahezu mein gesamtes Umfeld begann, sich in meinen Umgang mit dem Winzling einzumischen und ihr Wissen über Babys als das ultimativ Richtige und einzig Wahre darzustellen. Dabei kann ich es ja noch durchaus verstehen, wenn meine Familie und Freunde, Hebammen oder  Ärzte  etwas dazu beizutragen haben. Aber dabei bleibt es ja nicht. Selbst bis zu diesem Zeitpunkt fast unbekannte Menschen geben ihre guten Ratschläge über meinen Umgang mit dem Winzling ab. So wissen Nachbarn, mit denen ich bis dahin kaum gesprochen hab, auf einmal schlaue Dinge wie : „Das Kind im Tragetuch tragen ist gar nicht gut, ich hab da mal `ne Reportage gesehen.", als würde ich darauf reagieren: „Oh ja, sie haben eine Reportage gesehen, vielen Dank für den tollen Tipp, ich werde das Tragetuch sofort verbannen," (wo es doch wirklich unsere einzige Möglichkeit ist, mit dem Kleinen das Haus zu verlassen). Auch der Mensch von der Telekom weiß, dass es nicht hilfreich ist, wenn das Kind nur bei Stille schläft oder einen Schnuller benutzt. Wenn ich im Supermarkt nervös, mit hoch rotem Kopf und schweißgebadet versuche, mein schreiendes Baby zu beruhigen, mutmaßen die Omis um mich herum schon: „Ja, bekommt es vielleicht zu wenig zu essen, Sie müssen dem Kleinen doch was zu essen geben!"  Die einen meinen, dass ich das Kind - wenn es schreit - auf gar keinen Fall aus dem Kinderwagen nehmen darf, sonst könnte es sich schließlich daran gewöhnen, seinen Willen durchzusetzen, während die anderen sich wundern, warum das Kind im Kinderwagen schreit, ohne dass ich es herausnehme. Gerade zur Anfangszeit meines Mutterdaseins brachte mich dies an den Rand des Wahnsinns, so verfolgte ich täglich neue Ratschläge, schmiss meine bis dahin gewonnenen Erkenntnisse als Mutter über Bord oder hatte Zweifel an dem, was ich bis dahin als gut erachtete. Die Ratschläge halfen also weder dem Winzling, noch mir. Mit der Zeit entwickelte ich eine regelrechte Antipathie gegen Satzanfänge wie

 

·         Also, ich würde ja…

 

·         Versucht doch mal…

 

·         Mit meinen Kindern war es am besten, wenn…

 

Hörte ich einen dieser Sätze schaltete ich quasi direkt auf Durchzug und überhörte dadurch vermutlich den einen oder anderen hilfreichen Tipp, den ich anschließend wohl selbst mühsam in diversen Internetforen zusammensuchte und so herausfand, dass an vielen der „alten“ Weisheiten und Sprichwörtern doch was dran ist.

 

Es dauerte eine Weile bis ich lernte, mit den Ratschlägen umzugehen, sie für mich in die Kategorien „wertvoll und nützlich“ oder „Schwachsinn und unnütz“ zu filtern. So schaffe ich es inzwischen beim zehnten: „Du musst das Baby auch mal schreien lassen“, mir meinen Teil zu denken, einfach zu nicken und „aha“ zu murmeln, während meine Familie und Freunde inzwischen wissen, dass sie mich mal selbst meine Erfahrungen machen lassen sollen und ihre Ratschläge nur auf Nachfrage Preis geben.

 

Passend zum Thema fand ich jetzt beim Stöbern in einer Eltern - Zeitschrift die "Top 10 der Großeltern - Sprüche":

Viele dieser Sprüche habe ich tatsächlich schon so oder ähnlich gehört (zum Glück nicht von meinen Großeltern) und kann darüber mittlerweile zum Glück schmunzeln.

  • Lass ihn doch mal schreien, das stärkt die Lungen.
  • Stillst du schon wieder?
  • Das Baby kriegt ja gar keine Luft im Tragetuch.
  • Wenn er nicht langsam im eigenen Bett schläft, werdet ihr ihn nie aus eurem Bett bekommen.
  • In dem Alter wart ihr schon längst trocken.
  • Der friert doch.
  • In so ein Babybett gehören Kissen und Kuscheltiere.
  • Was, jetzt schon in die Krippe?
  • Nimm sie nicht immer hoch, du verwöhnst sie.
  • Das Kind wird doch nicht mehr satt von deiner Milch.
Mama, das macht man heute so! Top 10 der Großelternsprüche und wie man 2015 mit Babys umgeht, in: Eltern (2015), Nr. 7, S. 107.

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