Ein halbes Jahr Mama Dasein

Ein unglaubliches halbes Jahr bin ich nun schon Mami. Ein halbes Jahr, dass mich (in den ersten Monaten) zwar viele Nerven und auch Tränen gekostet hat, dass mich aber auch unbeschreiblich viel Liebe hat spüren und geben lassen.

Mein Leben hat sich tatsächlich total verändert und damit meine ich nicht nur, dass ich in einer neuen (alten) Stadt und einer neuen Wohnung wohne und in Elternzeit bin. Auch mein Tagesablauf, meine Gewohnheiten, Hobbys und meine sozialen Kontakte sind nicht mehr so, wie sie vor der Geburt des Winzlings waren.

Natürlich haben wir alle Klischees über das, was sich ändert, wenn man Eltern wird, über unsere Vorstellungen hinaus erfüllt: Seit ich im Mutterschutz bin, habe ich einen unglaublichen Nestbautrieb, ich putze regelmäßig Fenster (und Fensterbänke!), wische Schränke aus und bastel Kindersachen. Außerdem haben wir uns ein Familienauto angeschafft. Der Wagen ist aber auch praktisch (und so schön!) und der Kinderwagen passte wirklich nicht in unser altes Auto. Wir sind auch nicht mehr so spontan wie früher (wenn ich das überhaupt jemals war) und sicherlich auch nicht mehr so ausgehfreudig, aber mit dem Gedanken an Schlafmangel fällt es mir einfach nicht mehr so leicht, lange auszugehen. Leider hat sich auch mein Auftreten ein wenig an das Mami-Dasein angepasst. So kümmere ich mich lieber um den Winzling, als die Frisur nochmal zu richten, zu bügeln, mir nochmal ein passenderes Outfit anzuziehen oder die Nägel neu zu lakieren. Wenn es nach uns ginge, würden wir sogar in ein Reihenhaus ziehen, aber beim derzeitigen Immobilienpreis fällt wenigstens das wohl erstmal raus.

Seit der Winzling da ist, sind wir oft auf dem Spielplatz unterwegs.
Seit der Winzling da ist, sind wir oft auf dem Spielplatz unterwegs.

Auch mein Tagesablauf hat sich total verändert und ich kann noch immer nicht fassen, wie schnell sich die Lebensinhalte ändern können. Insgesamt würde ich mein Leben als entschleunigt beschreiben und ich nehme mir für den Tag viel weniger vor. Ich genieße es sehr, mir morgens nochmal in aller Ruhe eine zweite Tasse (koffeinfreien) Kaffee zu machen und manchmal in den Tag hinein zu leben. Ich besuche meine Eltern viel regelmäßiger und auch unsere neuen Termine, wie der Pekip Kurs, die Krabbelgruppe oder das Elternfrühstück machen mir sehr viel Freude. Während es mir früher sehr wichtig war, geplante Termine auch einzuhalten, hab ich inzwischen kein Problem mehr damit, auch mal abzusagen (wenn z.B. die Nacht sehr anstrengend war oder der Kleine einfach schlecht drauf ist) und das Beste ist, alle Leute haben Verständnis dafür. Viele Alltagstätigkeiten, die früher selbstverständlich waren, können auf einmal nicht mehr so einfach durchgeführt werden, so überlege ich es mir z.B. wenn ich einkaufen bin zweimal, ob ich wirklich noch zum Bäcker muss (Maxicosi raus und wieder rein, womöglich gerade eingeschlafenes Baby wecken) oder ob auch einfach die Brötchen vom Supermarktbäcker reichen. Shoppen in der Stadt gehe ich nurnoch in Begleitung (wieso gibt es keine Umkleiden, in die Kinderwagen passen und wie zum Henker soll ich in der Stadt mit Baby zur Toilette gehen???), dafür steht der Paketbote mit meinen Onlineeinkäufen jetzt wöchentlich vor der Tür (und ich bin Zuhause, um ihm aufzumachen). Viele Alltagstätigkeiten machen dafür jetzt aber viel mehr Spaß.  Es ist schön zu sehen, wie der Winzling die Welt wahr nimmt und Freude an den kleinsten Dingen hat. Außerdem sind die Menschen alle so freundlich zu uns (außer die alten Damen, die meinen, man dürfte den Winzling immer ungefragt antatschen, ob ich ein Schild am Kinderwagen anbringen sollte "Vorsicht, bissiges Kind!"?).

Während der Alltag von mir aus noch ein paar Jahre so weiter gehen könnte, würd ich mir ein Wochenende, wie es vor dem Elterndasein war - mit Ausschlafen, stundenlang bummeln und abends ausgehen - auch mal wieder wünschen.

Neben den Klischees und dem Tagesablauf hat das Elterndasein aber auch positive und negative Veränderungen mit sich gebracht, die mir vorher nicht so klar waren.

Überall, wo wir auf mehrere Menschen stoßen, stellen wir auf einmal fest, dass wir jetzt zu den anderen gehören - den Eltern eben. Wir haben ein gemeinsames Gesprächsthema, klären Fragen und freuen uns über die gleichen Dinge. Auf der einen Seite ist das wunderbar, denn so haben wir schon viele neue soziale Kontakte gefunden, Freundschaften wurden enger und mit Eltern jeden Alters mangelt es nie an Gesprächsthemen. Auf der anderen Seite ist dies aber auch traurig, da ich merke, dass einige alte Freundschaften mit Nicht-Eltern nicht mehr so eng sind wie früher und sich nicht so enge Freunde z.T. gar nicht mehr melden. Und das kann ich voll verstehen - denn auch, wenn ich mir vornehme es nicht zu tun - rede ich in jedem zweiten Satz über den Winzling und das Mami-Dasein (ich hoffe, das wird sich noch ändern!).

Den wohl schönsten Effekt, den das Elterndasein mit sich gebracht hat, ist aber die Liebe, die man auf einmal für sein Kind in sich trägt. Nicht, dass ich diese vorher vermisst hätte, ich wusste nicht, dass sie da ist und so unbeschreiblich groß sein kann. Auch mein Mann und ich fühlen uns irgendwie noch mehr verbunden als vorher. Vielleicht war es das gemeinsame Erlebnis der Geburt (und das entgültige Abgeben des Schamgefühls meinerseits), aber vermutlich ist es die gemeinsame Liebe zu unserem Winzling und die Freude darüber, dass wir gemeinsam für etwas so Schönes verantwortlich sind.

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Kommentare: 3
  • #1

    Claudi (Mittwoch, 07 September 2016 23:34)

    Wunderbar geschrieben! Da Stimme ich dir ausnahmslos in jedem Satz zu. :-)
    Kurze Anmerkung zum auf die Toilette gehen, wenn man mit dem Baby alleine unterwegs ist. Zum einen ist es ein super Beckenbodentraining, wenn man bis zu Hause anhält. Zum anderen mobilisiert man neue Kräfte, während das Kind auf der 6stündigen Zugreise auf dem wackeligen Wickeltisch liegt, man eine Hand am Kind hat und selbst Pipi macht. Herrlich, wenn einen dabei auf einmal der kaputte Spiegelschrank entgegenschlägt. Puh.
    ;-p

  • #2

    Caro (Donnerstag, 08 September 2016 09:22)

    Vielen Dank für das Lob :-).
    Und ich dachte für die Toilettenfrage gäbs noch ´ne Lösung... die Zugfahrt mit Baby hört sich ja sehr anstrengend an!

  • #3

    Claudi (Donnerstag, 08 September 2016 14:52)

    Nur das Toilettenproblem ist anstrengend. Ansonsten bist du mit Kind die Königin. Wie hilfsbereit auf einmal alle sind.